Das Wildenmannlisloch 

Behausung des kleinen Volkes


Daniela Parr

Wie jedes Jahr, sind Uscha, Dagmar und ich zu Besuch in St. Gallen, um unsere Filme aus den Matriarchaten während des Kultursommers im Frauenpavillon vorzustellen. Dieses Mal besuchen wir im Rahmen dieser Reise an einem Tag einen Godeort, das Wildenmannlisloch.

Christina Schlatter, die Leiterin des MatriArchivs in St. Gallen und Organisatorin der Film-Veranstaltung, hat sich für uns den Freyatag frey-genommen, um uns die Kulthöhle zu zeigen.

Die Höhle Wildenmannlisloch liegt im Nordhang des Selun auf der Alp Sellamatt. Die gesamte Gebirgskette trägt den außergewöhnlichen Namen „Die sieben Churfirsten“ und der Selun ist der östlichste Berg davon. 

Der Name der Höhle wird darauf zurückgeführt, dass die „wilden Leute“ sich vor langer Zeit an diesen jenseitigen Ort zurückgezogen haben, um der Missionierung durch die Christen zu entgehen. Es existiert eine Sage über eine Hebamme, die einer wilden Frau in der Höhle bei der Geburt geholfen haben soll und dafür großzügig von den „kleinen Leuten“ entlohnt wurde.

Nach einer einstündigen Autofahrt erreichen wir Starkenbach. Schon auf der Fahrt bestaunen wir das Alpenpanorama, das für Christina ganz selbstverständlich ist. In Starkenbach startet drei Mal am Tag die sogenannte „Kistenbahn“, ein abenteuerliches Gefährt, das die Form einer Seifenkiste hat. Damit sollen wir nach oben zur Höhle fahren. 


Vor uns werden noch zwei andere Wandergruppen nach oben transportiert. Wir lassen uns erst einmal zu einem kleinen Imbiss nieder und plaudern mit der Betreiberin der Bahn. An manchen Tagen ist der BesucherInnen-Andrang so groß, dass sie den Lift durchgängig laufen lassen muss und zwischen den drei Terminen gar nicht nach Hause gehen kann. Heute ist der Betrieb am Lift glücklicherweise eher moderat.

Die dritte Kiste, die nach oben schwebt, ist für uns vorgesehen. Wir amüsieren uns köstlich, als wir zu viert in extremer Rückenlage in der „Kabine“ liegen. Die Betreiberin ruft uns zu, wir würden ganz bald herausfinden, wofür es gut ist.

Schon nach dem Passieren des ersten Mastes sind wir froh um jeden Zentimeter Neigung, den wir vorher hatten. Es geht ziemlich steil den Berg hinauf und wir neigen uns jetzt eher nach vorne.

Unten ziehen Wiesen und Wälder vorbei. Im Gras liegen Kühe mit ihren Kälbchen. Die Fahrt ist sehr kurzweilig. Bevor wir uns versehen, sind wir schon in der Bergstation, die sich in einer Scheune befindet. Wie es sich gehört, stehen in der Ecke zwei große Milchkannen, die wahrscheinlich nach unten fahren sollen. Über eine an der Decke montiert Kamera kann frau feststellen, ob wir gut angekommen sind.

Nach so viel moderner Technik in einer einfachen Scheune bereitet uns der einfache hölzerne Türgriff Probleme. Nachdem wir uns unter Gelächter aus der Scheune befreit haben, folgen wir bei schönstem Sonnenschein einem hellen gewundenen Wanderweg in Richtung Wildenmanlisloch.

Nachdem wir eine Hütte passiert haben, kommen wir an einen Wegweiser zum Wildenmannlisloch. Auch der Grillplatz der „Schweizer Familie“ ist gekennzeichnet. Als Christina unsere verwunderten Gesichter bemerkt, erklärt sie, dass es sich um eine Zeitschrift handelt, die den Grillplatz gesponsort hat.

Die ersten Schilder mit Informationen zur Höhle tauchen auf. Auf einem Holzschild sehen wir eine gemalte Figur. Es ist die Hebamme, die dem kleinen Volk geholfen hat. Leider ist sie eher wie eine moderne Prinzessin gestaltet. Unserer Meinung nach passt sie nicht besonders gut zur Sage.

Endlich stehen wir vor der Höhle. Von oben beugt sich ein Baum über den Eingang. Der Fuß der Höhle wird von üppigem Grün gesäumt.

In der Höhle wurden bei Ausgrabungen Bärenknochen gefunden. Wir diskutieren, ob unsere Vorfahrinnen die Bären tatsächlich verzehrt haben oder ob sie diese Kulttiere möglicherweise rituell bestattet haben. Wir haben auch gehört, dass die Steinzeitfrauen die Höhle im Winter mit den Bären geteilt haben.

Staunend betreten wir die Höhle. Nach 50 Metern erweitert sich der Gang im Wildenmannlisloch zu einer Kammer. Bei einem Blick zurück zum Eingang eröffnet sich ein wunderschöner Blick auf den Säntis und den Schafberg.

Christina und ich folgen dem schmalen Gang, der tiefer und tiefer in die Höhle führt. Dagmar und Uscha bleiben währenddessen in der Höhlenkammer. Das Wildenmannlisloch hat eine beeindruckende Länge von 142 Metern und einer Höhendifferenz von insgesamt 2,4 Metern. Auf dem Boden befinden sich immer wieder große Wasserpfützen, die teilweise mit Brettern ausgelegt sind. Darauf können wir große Teile der Höhle erkunden, ohne nasse Füße zu bekommen.

Hinter einem Felsvorsprung, steht der komplette Gang voller Wasser. Daher können wir die letzten 50m der Höhle leider nicht mehr anschauen. Auf dem letzten Stück sind die Gänge sehr verschlungen. Es erstaunt uns, dass eine solche Formation natürlich entstehen kann.

Auf dem Rückweg krieche ich neugierig in einen seitlichen Gang. Dieser führt aber nur zurück in den Hauptgang, wo uns Dagmar und Uscha schon erwarten. Zu viert verlassen wir die Höhle und kehren in der Hütte ein, die vorher wir im Vorbeigehen gesehen haben.

Dort stärken wir uns mit den berühmten Nusshörnli und einer Graupensuppe. Anschließend führen wir ein Interview mit Christina über das von ihr gegründete MatriArchiv.

Zurück geht es wieder mit der Kistenbahn. Wir winken in der Scheune in die Kamera und hoffen, dass wir in der Talstation bemerkt werden. Zwei Männer fahren gerade mit viel Gepäck nach unten. Unser Winken scheint bemerkt worden zu sein. Wir besteigen die nächste Kiste und fahren nach unten.

Das Wildenmanlisloch kann auch vom Tal aus erwandert werden. Auch über den Toggenburger Höhenwanderweg ist es in eineinhalb Stunden möglich, die Höhle vom Lift bei Wildhaus aus zu erreichen.

Daniela Parr


Hier eine ergänzende E-Mail und ein Foto von Elisabeth Wintergerst:

Liebe Daniela,

ich hab gesehen, dass du das Wildenmannlisloch im Toggenburg aufgenommen hast. Das freut micht sehr, denn es ist ein besonder Ort, der schon in der Altsteinzeit eine kultische Bedeutung hatte.

Da hätte ich ein Bild für dich zum Wildenmannlisloch. Es ist ein Stück Bärenknochen, das Dr. Emil Bächler bei seinen Ausgrabungen gefunden hat. Er nannte es "Götzli" und ich bin überzeugt, dass es eine Muttergöttinfigur aus der Altsteinzeit ist. Die Figur kam nach St. Gallen ins Museum, ist dort aber verschollen. Dr. Bächler war sich sicher, dass die Figur kultisch verehrt worden ist. Andere Wissenschaftler meinten, es sei nur ein Knochenwerkzeug und maßen dem Fund keine besondere Bedeutung bei. Und so kümmerte man sich nicht besonders darum. Für mich hat die Figur eine wunderschöne Ausstrahlung.

Liebe Grüße
deine Elisabeth