Die mythische Jungfrau Verena und ihr Garten

Eine alte Glarner Sage neu erzählt

Das dreigipflige Bergmassiv des Glärnisch in den Glarner-Alpen ist von vielen Orten im Schweizer Mittelland und vom benachbarten Hegau aus gut zu sehen. Besonders markant ist das rautenförmig umkränzte Gletscherfeld des Vrenelisgärtli in 2900 m Höhe.


Eine Mythensage berichtet, dass hier einst ein Garten mit prachtvollen Alpenblumen wuchs, den ein lieblichesMädchen hegte. Vreneli war inmitten ihres Gärtlis dem Himmel so nah und gänzlich in Freude verwoben.

Jedes Jahr im Sommer zog ihre Mutter mit dem Vieh und einem großen Sennenkessel hinauf auf den Berg, mit seinen saftigen Alpenweiden. Von klein auf durfte Vreneli mit nach oben. Befreit von jedem engstirnigen Blick der Dörfler im Tal, konnte sie ganz ihrer wilden Natur freien Lauf lassen. So wuchs sie in vielen glücklichen Sommern auf dem Berg zu einer übermütigenund von stolzer Kraft erfüllten Jungfrau heran. Jeden Herbst jedoch mussten sie Abschied nehmen von ihren Matten und mit dem Vieh hinab ins Dorf ziehen. Vreneli wurde vor Kummer immer ganz elend, wenn sie ihr Gärtli voll Wunder verlassen musste. Wenn im Winter alles von Eis und Schnee überdeckt wurde, blieb ihr nur der sehnsüchtige Blick hinauf zum weiß ummantelten Glärnisch.

Es kam aber der Herbst, da war Verena zu einer Jungfrau im ursprünglichen Sinne herangereift. Dieser bezieht sich auf die innere Haltung und nicht auf äußere Umstände (hat also nichts mit der Unversehrtheit von Häutchen oder dem Vor-Ehelichen Familienstand zu tun). Frei von patriarchaler Herrschaft, wurde sie rein in mütterlicher Liebe und von der wilden Natur erzogen. Verena zeichnete die selbstbestimmte und zielgerichtete Kraft der mythischen Jungfrau aus. Eine Jungfrau, egal ob verheiratet oder nicht, macht sich nicht von der Meinung anderer Menschen abhängig. Verena hatte erkannt, dass das Dorfleben unten im engen Tal, ihr während der langen Bergwinter zwar Schutz und Sicherheit bot, dafür jedoch den hohen Preis der Unterwerfung in ein enges Korsett aus Sitten und Moral, nach dem Gesetz der Väter forderte. Sie aber war des Berges lichter Höhe Kind.

Lange blickte Verena hinauf in den Himmel zu ihrem geliebten Garten, der versunken lag in Eis und Schnee. Da strömte heiß in sie der leuchtende Gedanke: „Ich bin was ich bin, weil ich das bin, was ich bin“. Im Augenblick der Erkenntnis war die Entscheidung gefallen, neu zu beginnen. Verena ist bereit für die Metamorphose. Bergen will sie sich im Gesteinsgefüge. Sie wird das Dorf verlassen und ihrem Garten auf dem Berg frische Blumen bringen! Erstmals wird Verena nicht auf ihre Mutterhorchen, die sie vor den Qualen in der mörderischen Kälte behüten will. Schon gar nicht wird sie auf die Leute achten, die sagen werden, sie sei starrsinnig und verrückt und versuche den Herrgott auf dasFrevelhafteste.




Sie ist eine Jungfrau, die eins ist mit sich selbst. Ihre innere Stärke dringt nach außen. Mit dem schweren Sennkessel auf dem Kopf meistert sie den steilen Aufstieg. Dafür kämpft sie sich durch meterhoheSchneewehen und klettert über vereiste Flanken. Oben gräbt sie mit bloßen Händen den Schnee auf, bis zur Erde ihres Gartens und bringt ihm die Blumen dar. So nimmt sie Sitz auf dem heiligen Berg. Ihr Kessel aber dehnt sich über die ganze Bergkuppe aus und füllt sich mit Triiliarden Schneekristallen. Verena hat ihre Bestimmung erfüllt und geht die Metamorphose zur mythischen Ahnfrau ein. Sie hat ihre Jenseitswelt unter dem ewigen Eis des „Vrenelisgärtlis“ eingenommen und gewährt von dort aus, den Almen und Weiden Schutz und Gedeihen.



Text, Fotos und Figuren von Claudia Schäffer





Die Sage vom Vrenelisgärtli


Den seltsamen Namen „Vrenelis Gärtli“ für diesen schweizer Berggipfel (Teil des dreigipfeligen Glärnisch) erklärt die Glarner Sage in ursprünglicher Mundart:



"Es isch emal en übermüetigi Jumpfere gsii, de hät Vrine gheisse. De hät gmeint, si chäm zoberscht uffem mittlere Glärnisch e Garte mache. D’Lüüt händ si gwarnet und händ züenere gseit: ‹Me törf de Härrgott nüd versueche!› Si aber hät gseit: ‹Und ietz guuhn i ztratz ufe, sig’s em Härrgott lieb oder leid.› Due ninnt de Jumpfere, es isch e bäumig starchs Meitli gsii, e grosses chüpferigs Sännechessi übere Chopf, as si nüd nass wärdi, wänn’s chäm gu schniie. Wo si aber dobe gsii isch, hät’s äso raass afuh fogge, as d Vrine ds Chessi vor Schweeri gar nümme hät chänne abzieh. Dr nass, schwäär Schnee hät das Meitli z'Bode truggt, und es isch ganz igschniit worde. Me gsieht uff em mittlere Glärnisch ietz nuch vu wiit ummen e chliis viergeggets Schneefäld. D'Lüüt säged dem ds Vrenelisgärtli, wil de übermüetig Gärtneri drunder begrabe liit."


Die Sage auf Hochdeutsch

„Es war einmal eine übermütige Jungfrau, welche Vreni genannt wurde. Diese meinte, sie könne zuoberst auf dem mittleren Glärnisch einen Garten machen. Die Leute warnten sie und sagten zu ihr:

«Man darf den Herrgott nicht herausfordern!» Sie aber sagte: «Und jetzt gehe ich aus Trotz hinauf, sei es dem Herrgott lieb oder leid.» Da nahm die Jungfrau, sie war ein baumstarkes Mädchen, einen großen Kupferkessel über den Kopf, damit sie nicht nass werde, wenn es zu schneien beginnen sollte. Als sie aber oben war, begann es so stark zu schneien, dass das Vreni wegen des Gewichts den Kessel nicht mehr abziehen konnte. Der nasse, schwere Schnee drückte das Mädchen zu Boden, und es wurde gänzlich eingeschneit. Man sieht auf dem mittleren Glärnisch jetzt noch von weitem ein kleines, viereckiges Schneefeld. Die Leute nennen es das Gärtli vom Vreneli, weil die übermütige Gärtnerin darunter begraben liegt.“